Manhattan Transfer ein Passagierbahnhof in Harrison, New Jersey (USA)

Wiedergelesen: John Dos Passos: Manhattan Transfer

Um die Zerrissenheit der amerikanischen Gesellschaft oder ein Phänomen wie den Trumpismus  zu verstehen, ist es hilfreich, hin und wieder einen der großen Gesellschaftsromane zu lesen. Der Roman Manhattan Transfer von John Dos Passos (1896 – 1970) ist ein solcher. Er schildert aus der Perspektive zumeist kleiner Leute den Existenzkampf ums Überleben in der Großstadt New York. Der Roman erschien 1925; drei Jahre zuvor war der Ulysses von James Joyce erschienen; vier Jahre später Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Anders als bei den Letztgenannten gibt es in diesem Roman keine Hauptfigur, an der sich das Schicksal einer Generation ablesen ließe. Vielmehr wird ein regelrechtes Figurengewimmel entfaltet, wo sich alle wie zufällig begegnen, kreuzen und wieder aus den Augen verlieren. Jeder scheint in Bewegung zu sein und nahezu jeder scheitert, was ihn jedoch nicht hindert, bei nächster Gelegenheit einen neuen Anlauf zu nehmen. Nur nicht stillstehen, nur nicht aufgeben, immer in Bewegung bleiben – und sei es als Selbstzweck.

 

Der Schriftsteller Siegfried Lenz („Deutschstunde“) schrieb 1979 über den Roman: Er ist die Totalansicht eines steinernen Verhängnisses, aus dem es für die meisten kein Entrinnen gibt. Er ist die Beschreibung eines täglichen Kampfes, einer täglichen Jagd nach Erfolg, Liebe und Prestige in Straßenschluchten, Mietskasernen und Wolkenkratzern. „Manhattan Transfer“ ist ein epischer Krankheitsbericht vom „Gipfel der Welt“, wo allen Schicksalen am Ende nur eines bewiesen wird: ihre Belanglosigkeit. Und schließlich ist dieses Buch die geglückte Annäherung an die Wahrheit Manhattans: die Spielregeln, auf die der einzelne sich in allen Phasen der Selbstbehauptung festgelegt sieht, werden mit ihrem ganzen Folgenreichtum aufgedeckt.

Aber was sind die Spielregeln, und wer legt sie fest? Nun – es sind die Mechanismen des kapitalistischen Systems, die der Einzelne nicht durchschaut, geschweige denn beherrscht. Geradezu schicksalhaft schliddern sie alle hinein in die große Krise, die 1925 bereits ihre Schatten voraus wirft. Aber inmitten all der Verzweiflung und Resignation angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage gibt es auch Ansätze von Widerstand – z.B. streiken die Frauen einer Nähfabrik – und Keimformen von Klassenbewusstsein. Aber diese bleiben  peripher und wirken im Ensemble des Romangeschehens eher wie bizarre Einschübe. So, wenn ein Mann, auf einer Seifenkiste stehend, an einer Straßenecke eine Rede hält und wettert: Diese Burschen, Leute – genau solche Lohnsklaven, wie ich einer gewesen bin – sie setzen euch das Knie auf die Brust – sie reißen euch den Bissen vom Mund. Sie pressen uns aus wie die Zitronen, liebe Freunde, Kollegen, Arbeiter – Sklaven sollte ich lieber sagen. Sie stehlen uns die Arbeit, die Ideen und die Frauen. Sie bauen ihre Ritzhotels und ihre Millionärklubs und ihre Dollarmillionentheater und ihre Schlachtschiffe, und was lassen sie uns übrig? Uns lassen sie die Berufskrankheiten übrig und die Rachitis und einen Haufen schmutziger Straßen voller Mülleimer. Ihr seht blaß aus, Kollegen. Euch fehlt Blut. Warum pumpt ihr euch nicht ein bisschen Blut in die Adern? Die armen Leute im finsteren Russland – sie sind gar nicht so viel ärmer als wir – glauben an Vampire, Dinger, die nachts an einen rangehen und einem das Blut aussagen. Und das ist eben der Kapitalismus, ein Vampir, der euch das Blut aussaugt – Tag und Nacht. Und am Schluß dieser Passage heißt es: Der Redner schlägt den Kragen hoch und geht mit schnellen Schritten ostwärts die Houston entlang, hält die schmutzige Seifenkiste sorgfältig von der Hose ab.

Derartige Reden bleiben folgenlos; ebenso wie der verzweifelte Appell des Freundes einer der streikenden Näherinnen, die angesichts der Aussichtslosigkeit des Streiks resigniert hat: Das Schlimme mit uns Arbeitern ist, dass wir nichts wissen, wir wissen nicht wie man richtig isst, wir wissen nicht, wie man lebt, wir wissen nicht, wie wir unsere Rechte verteidigen sollen. Mein Gott, Anna, grade darüber sollst du nachdenken! Begreifst du denn nicht, dass wir mitten im Kampf stehen, ganz so, als ob Krieg wäre?

Stellen wie diese zeugen vom Ausmaß der Verzweiflung unter den Beteiligten. Deren Schicksale werden zu einer Randerscheinung im Gesamtgeschehen, dem sie ausgeliefert sind. Oder wie Siegfried Lenz schreibt: Die Auflehnungen, die Aufbrüche, die zahlreichen Versuche, verkorkstes Dasein noch einmal einzurenken, müssen verloren und episodenhaft anmuten angesichts des steinernen Riesen, der gleichmütig über alles hinweggeht. Vergeblichkeit: das ist, was Dos Passos an seinen hundert Charakteren demonstriert; Vergeblichkeit der Entwürfe, der Handlungen.

Was ist geblieben vom amerikanischen Traum, den so viele, vor allem die Einwanderer aus aller Herren Länder einst geträumt haben?  Auf einem der Einwandererschiffe entspinnt sich folgender Dialog: „Ich möchte eine Millionen Dollar dafür geben“, sagt der alte Mann, an seinem Riemen ruhend,“um zu wissen, weshalb die alle zu uns kommen.“- „Sie kommen eben einfach, Paps“, sagt der junge Mann, der am Heck sitzt. „Leben wir denn nicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten?“

Das ist natürlich blanker Zynismus. Realität ist,  dass längst ein verbreiteter Fremdenhass, gepaart mit einem grassierenden Antisemitismus, herrscht. Beim Kampf um die raren Arbeitsplätze und schrumpfende Aufstiegsmöglichkeiten fürchten viele Einheimische die Konkurrenz der Immigranten. Schonungslos stellt Dos Passos diese sich wechselseitig verstärkenden Zusammenhänge dar. Eine seiner Figuren äußert sich wie folgt: New York ist nicht mehr die Stadt, die sie einmal war, als Emily und ich hierher zogen, in der grauen Vorzeit. Heute ist ganz New York von Juden und irischen Bettlern überlaufen, daran liegt es eben. In zehn Jahren wird kein Christenmensch mehr imstande sein, sich hier sein Brot zu verdienen. Ich sage Ihnen, die Katholiken und die Juden werden uns aus unserem Vaterland vertreiben, ja, so weit wird es kommen.“- „Das neue Jerusalem!“ warf Tante Emily lachend ein. „Da gibt es gar nichts zu lachen. Und wenn ein Mann sein Leben lang fleißig war und sich ein Unternehmen aufgebaut hat, dann will er sich nicht von verdammten Ausländern hinausdrängen lassen, hab’ ich recht?“- „Wissen Sie, unser Volk hat einen großen Fehler.“ Mr. Wilkinson runzelte gewichtig die Stirn. „Unser Volk ist viel zu tolerant. In keinem Land der Welt würde man so etwas zulassen. Schließlich und endlich haben wir dieses Land aufgebaut, und dann lassen wir zu, dass diese verdammten Ausländer angelaufen kommen und uns ganz einfach das Ruder entreißen.“

Das ist die Sicht derer, die von Abstiegsängsten geplagt werden; die sich etwas aufgebaut haben und jetzt um ihre Besitzstände fürchten. Wie gesagt: als Dos Passos seinen Roman schrieb, waren die ersten Anzeichen der Weltwirtschaftskrise bereits spürbar. In einer Episode des Romans wird ein Gespräch zwischen einem Bankier und einem Aktionär geschildert. Der eine warnt den anderen, bloß keine Bergwerksaktien mehr zu kaufen. Er selbst hat alles verloren und bittet den anderen um einen Dollar.  Daraufhin meint dieser: Wie mir das ulkig vorkommt, dass ich einem Mann, der einmal halb Wall Street besessen hat, einen Dollar leihe.“

Der Sozialrassismus von oben verdankt sich der realen Angst vor sozialem Abstieg. Wie hatte doch Siegfried Lenz geschrieben: Das Wesen einer Stadt kann nicht anders, es muss an ihren Bewohnern dargestellt werden, an ihren Ängsten und Erwartungen, an ihren spezifischen Haltungen und Erfahrungen. Das galt für das Petersburg von Dostojewski und für das London von Dickens, für Döblins Berlin und für Kafkas Prag. In den Handlungen der Menschen wird das Gesetz der Stadt erkennbar. Das Gesetz New Yorks, das ist der brutale Kampf Aller gegen Alle um einen Platz an der Sonne. Oder, wie es an einer Stelle des Romans heißt: In New York geht es immer nur ums Geld. Und zwar täglich aufs Neue.

Den Überlebenskampf seiner Figuren schildert Dos Passos ohne Rücksicht auf die soziale Höhenlage. Während die vom sozialen Abstieg Bedrohten ihre Ängste auf die Immigranten abladen, landen diese in der Regel in der Arbeitslosigkeit bzw. in Gelegenheitsjobs, von denen sie nicht leben können. Der Wunsch, eine auskömmliche Arbeit zu finden und sesshaft zu werden, bleibt für Viele ein uneingelöstes Versprechen. Das Nachtasyl,  irgendeine Drecksbude oder die Strasse ist für sie die wahrscheinlichere Perspektive. Was bleibt, ist die große Desillusionierung, so wie sie einer der Protagonisten in einem Selbstgespräch artikuliert (zugleich ein Beispiel für die Sprachmächtigkeit des Autors):

Das Streben nach dem Glück – ein unveräußerliches Recht … Das Recht auf das Leben, das Recht auf die Freiheit – die Menschenrechte… Eine schwarze, mondlose Nacht. Jimmy Herf wandert einsam durch die South Street. Hinter den Lagerhäusern recken Schiffe schattige Skelette in den nächtlichen Himmel. „Jesus Maria, ich gebe zu, dass ich nicht mehr weiter weiß“, sagte er laut. In all diesen Aprilnächten, wenn er einsam durch die Straßen schweifte, hatte ein Wolkenkratzer ihn behext, ein zerfurchtes Gebäude, das mit zahllosen, funkelnden Fenstern emporschießt und aus einem dahinjagenden Himmel auf ihn herabstürzt… Und er wandert rund um die Häuserblocks, rund um die Häuserblocks, sucht den Eingang des summenden, flitterfenstrigen Wolkenkratzers, rund um die Häuserblocks, rund um die Häuserblocks, und noch immer kein Tor. Sooft er die Augen schließt, überfällt ihn der Traum, sooft er aufhört, in feierlichen, vernünftigen Phrasen mit sich selber zu räsonieren, überfällt ihn der Traum. Junger Mann, um Ihren Verstand zu retten, bleibt Ihnen nur zweierlei übrig… Bitte, mein Herr, wo ist der Eingang zu diesem Gebäude? Um den Block herum? Eben mal um den Block herum?… Eine unveräußerliche Alternative: Weggehen in einem schmutzigen Sporthemd oder bleiben in einem sauberen Stehkragen. Aber was hat es denn für einen Zweck, das ganze Leben lang dem Sodom und Gomorra entfliehen zu wollen? Wie sieht es denn aus mit deinen unveräußerlichen Menschenrechten? Sein Hirn haspelt Phrasen herunter, halsstarrig marschiert er weiter. Er hat kein besonderes Ziel. Wenn ich nur noch an die Worte glauben könnte…

Eine Passage voller Symbolik. Eine einzelne Episode, die auf das Übergreifende, Allgemeine verweist, so wie die vielfältig miteinander verschränkten Geschichten der Einzelnen sich zum Muster der Großstadt verbinden. Und dieses Muster deutet die Gefahr an, dass sich die menschlichen Beziehungen unter dem Eindruck der Krise des Kapitalismus aufzulösen beginnen. Man könnte von einem Klassenkampf von oben sprechen. So äußert ein Arbeiter, der im Ersten Weltkrieg verwundet wurde: Sie (die Reichen; J.F.) wissen, warum dieser Krieg gemacht wurde. Damit nicht die Arbeiter überall große Revolution machen. Sie sind zu beschäftigt, müssen kämpfen.

Der Roman besticht vor allem auch durch seine stilistischen Elemente. Die ständigen Perspektivwechsel erzeugen einen Spannungsbogen, wie er ansonsten nur im Film durch die Technik sich ablösender Schnappschüsse erzielt wird. Man nannte Dos Passos auch das Kameraauge. Er verzichtet auf die traditionelle Kontinuität im Erzählprozess und versucht, dem Lebenstempo der Großstadt gewissermaßen durch harte Schnitte nahe zu kommen. Als weiteres Stilmittel wechselt er übergangslos vom Imperfekt zum Präsens, um die Dialektik von Nähe und Distanz aufrechtzuerhalten – so wie dies der Film durch Rückblenden und Vorgriffe erreicht.

Der Roman ist von erstaunlicher Aktualität. Vieles liest sich wie eine Diagnose des zeitgenössischen Amerika. Wer Trump und seine Wähler verstehen will, findet hier alles, was er zur Erklärung braucht: Rassismus; Fremdenfeindlichkeit; Homophobie; Hass auf Immigranten und den Wunsch nach Abschottung. Als Resümee lässt sich festhalten: Der amerikanische Traum ist ausgeträumt.

Bildquelle: Wikipedia, Von Unbekannt – Temple, Edward B. (1912) „Meadows Division and Manhattan Transfer“ in History of the Engineering Construction and Equipment of the Pennsylvania Railroad Company’s New York Terminal and Approaches, Category:New York: Isaac H. Blanchard Co., S. 30, Gemeinfrei

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


'Wiedergelesen: John Dos Passos: Manhattan Transfer' hat einen Kommentar

  1. 14. April 2019 @ 19:05 Nichtauchdasnoch

    Schöne Rezension, nach dessen Lektüre man den Eindruck hat, das Buch bereits angelesen zu haben.
    Eines nur irritiert: „Der amerikanische Traum ist ausgeträumt“ – als Fazit zu einem Roman aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts.
    Setzte nicht nach dem Zweiten Weltkrieg eine anhaltende wirtschaftliche Prosperität ein, von manchen gar als „Glanzzeit des modernen amerikanischen Kapitalismus“ verherrlicht?

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