Gartenzwerge mit Mamabi Nagibzadeh
Stolz zeigt Mamabi Nagibzadeh seine Gartenzwerge in der Stadtmitte von Bonn.

Von Übergermanisierten und intellektueller Trostlosigkeit

Mamabi Nagibzadeh ist mit 12 Jahren aus dem Iran gekommen und liebt die deutsche „Leitkultur“. Er stabilisiert sie sogar. Der Besitzer einer Bonner Dönerrestaurant machte hier sein Abitur und studierte Maschinenbau, bis er in das Restaurantfach wechselte. Mit seinen Nachbarn pflegt er ein städtisches Beet vor der Tür. Dorthinein hat er fünf Gartenzwerge platziert. „Die sind doch schön“, sagt er ohne Ironie, sichtlich stolz. Dr. Limin Cheng ist eine vielbeschäftigte deutsch-chinesische Ärztin in Köln. Im Zimmer ihrer Praxis hängen 23 Karnevalsorden an der Wand. Im Kölner Karneval wird die sonst gelassene „Immi“ (Kölner Bezeichnung für Immigranten) unruhig. Sie jagt zu den angesagten Karnevalssitzungen, schreit sich schunkelnd die Kehle heiser, und isst zwischendurch das Kölsche 5-Gänge-Menü, bestehend aus 4 Kölsch und einer Frikadelle. Sonst interessiert sie sich für klassische Musik, die Architektur des Jugendstils und zeitgenössische Malerei. Zwei Fälle von Übergermanisierung? Beide sind geflüchtet, weil sie frei leben wollten. Im Rheinland gelingt die Integration schneller als im Rest der Republik. Hier haben die Menschen seit 2000 Jahren Erfahrung.

Ortswechsel: da sitzt in seinem Dresdener Lieblingscafé der Heimatschriftsteller Uwe T., sieht zwei junge Eritreer, eine philippinische Altenpflegerin, eine Kopftuch tragende syrische Mutter mit Kinderwagen und auf der anderen Straßenseite einen afghanischen Philosophiestudenten Nur drei von ihnen sind geflohen und sie wissen nicht, ob sie bleiben dürfen. Der Dresdener kommt zu dem Schluss: Deutschland ist überfremdet und stellt fest: mehr als 95% seien nur Zuwanderer in unsere Sozialsysteme. Das Gefühl schlägt den Verstand.

Der syrische Schriftsteller und Flüchtling Khder Alghaa kann ihm begreiflich machen, was die Angst vor der Folter und Bombenterror für Folgen haben. Ein Dresdner Kollege sollte sich da einfühlen können. Statt mit Herrn Thilo Sarrazin sollte er mal mit ihm reden.

Arabische Frauen genießen es, auf dem Markt allein Kartoffeln einzukaufen oder gar sich scheiden zu lassen. Diese Freiheit wollen sie behalten. Die Fluchtursachen von Menschen in Not auf materielle Anreize zu reduzieren, zeugt von intellektueller Trostlosigkeit. Sie erfüllt alle, die sich der Humanität und dem Christentum verpflichtet fühlen, mit Trauer.

Im Echoraum tönt AfD-Chef Alexander Gauland: „Der Bevölkerungsaustausch läuft auf Hochtouren“. Seine braunen Anhänger schwadronieren von „artfremden Völkern“, „erbbiologisch Minderwertigen“, „degenerierten Abfallmenschen“ oder „Volksverrätern“ – hier offenbaren sich Menschenfeindlichkeit in Verbindung mit Aberglauben, der nun auch von Intellektuellen unterfüttert wird. Nationale Grenzen sichern ist nichts weiter als Revierverteidigung aus grauer Vorzeit.

Denn Reden und Schreiben folgen Taten. 2017 gab es 2.219 Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte. Durch die Selbstermächtigung von Kriminellen ist der Rechtsstaat gefährdet. Das darf aber nicht mit dem Überfall auf den AfD-Bundestagsabgeordneten Magnitz verrechnet werden. Jedes Unrecht hat Name und Adresse und muss individuell geahndet werden.

Zu der angeblichen „Umvolkung“ und Überfremdung stellt der französische Demograph Hervé Le Bras mit Statistiken und Fakten fest: ein Bevölkerungsaustausch findet nicht statt, ist nicht geplant und auch nicht möglich. „Die Verweigerung von Rassenvermischung ist wahrer Rassismus“, sagt
der Demograph. „Es ist die Idee, dass die ethnische Durchmischung die „Rasse“ korrumpiert, aber wir können nicht über Rasse sprechen, denn wenn wir mehr als zwei Generationen zurückgehen, sind alle Menschen unterschiedlicher Herkunft.“

Von Alexander Gauland kann man nicht erwarten, dass er Fakten akzeptiert, denn Hetze und Angstmache sind sein Geschäftsmodell. Wohl aber gilt für einen anerkannten Schriftsteller das Motto der Aufklärung: Wage es, Deinen Verstand zu gebrauchen – Sapere aude. Es geht um die Rückkehr der Vernunft.
Oder das Land der Dichter und Denker wird eine Gesellschaft für Hetzer und Schwätzer.

Bildrechte: Hans Wallow

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Autor und Dozent, Mitglied des Bundestags 1981-1983 und 1990-1998, wohnt in Bonn.


'Von Übergermanisierten und intellektueller Trostlosigkeit' hat einen Kommentar

  1. 16. Januar 2019 @ 16:14 Lisa Fisch

    Ein sehr treffender Artikel, der auf überzeugende Weise darstellt, dass der „Migrationshysterie“ am besten mit der Anerkennung schlichter Tatsachen und Fakten entgegengewirkt werden kann, welche von Angstmachern und Hetzern bewusst negiert, ignoriert oder verzerrt dargestellt werden.

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