Buchtitel

Im Weißen Haus – Die Jahre mit Barack Obama von Ben Rhodes

Auf dem Buchumschlag erblicke ich zwei Männer: Der eine ist schmal mit grau werdenden kurzen Haaren, gekleidet in einen dunkelblauen Anzug. Er beugt sich über ein Blatt Papier, das auf einem braunen, glänzenden Tisch liegt. Er wirkt konzentriert, scheint einen Text zu ändern, zu ergänzen, zu kürzen: den Filzschreiber in der linken Hand. Markante Falten zwischen Nase und Mundwinkel, breite Augenbrauen, leicht abstehende Ohren. Der andere, rechts daneben stehend, ebenfalls im Anzug, mit lichter werdendem Haupthaar, eine Zugangsberechtigung aus Plastik um den Hals gehängt, blickt auf die Hand des Grauhaarigen; so als wolle er sagen: Was wird das denn nun. Er hat die Hände in die Hosentaschen gesteckt, seine Körperhaltung zeugt von Selbstvertrauen.

Der Raum, in welchem sich diese Szene abspielt, löst sich wie in einem Nebel auf. Das Foto mit den beiden Männern im Zentrum ist also bearbeitet worden. Ich erkenne auf der linken Seite ein Bild des US- Präsidenten Abraham Lincoln an der Wand hängend; eine Arrangement brauner Sessel. Die gesamte Szene ist offenkundig arrangiert, das Foto aus einer Perspektive hinter dem Schreibtisch der US- Präsidenten ins Oval Office hinein geknipst. Die beiden Männer sind Barack Obama und sein Redenschreiber und nationaler  Berater Ben Rhodes.

Rhodes, 1977 in New York geboren, war acht Jahre lang Obamas Redenschreiber, politischer Berater, ständiger Begleiter auf dessen Reisen rund um die Welt.  Er hat ein Buch über die acht Jahre mit Obama geschrieben. 575 Seiten mit den Registern. Der Verlag C.H. Beck hat dem Buch in der deutschen Ausgabe (26,80 €) den wenig anspruchsvollen Titel „Im Weißen Haus“ gegeben, und: „Die Jahre mit Barack Obama.“ In der US- Ausgabe stehen die beiden nicht vor dem Präsidenten-Schreibtisch, sondern Obama sitzt, Rhodes steht etwas gebeugt vor dem Möbel, um aufzuschreiben, was der „Chief“ sagt. Der Titel der US- Ausgabe: „ The World as It Is.“ Und im Untertitel: „A Memoir oft the Obama White House.“ Etwas lässiger übersetzt: So sieht´s wirklich aus, Freunde. Und das sind meine Erinnerungen ans Weiße Haus, an das Zentrum der Macht in der Welt zu Obamas Zeiten. Darin steckt ein Anspruch, ein ceterum censeo der Art: Wir konnten und können es besser.

Die Erinnerungen sind mit Herz und Verstand geschrieben. Voller Bewunderung und auch Verwunderung für acht Jahre. Rhodes sah die beginnende Spaltung seines Landes über die traditionell bestehenden politischen und sozialen Gegensätze hinaus. Hellsichtig registrierte er die Zwiespältigkeit der US- Politik: Mal Helferin in der Not mit Millionen Tonnen Gütern für Millionen, mal Verbündete von Diktatoren und Befehlshaberin der „Adler“ mit todbringenden Bomben unter den Flügeln. Rhodes hatte ein ständig lauter werdendes „Trommeln“ der Rechten in den Ohren, die in der Person Obama das Ende der USA aufkommen sahen.

Mich hat das Buch nachdenklich gestimmt. Denn viele deutsche Kommentatoren haben Obama bitter Unrecht getan, weil sie ihm Untätigkeit, Wirkungslosigkeit, eine miserable Bilanz bescheinigten. Rhodes beschreibt den Präsidenten als einen geradezu besessenen Reparateur der US- Außenpolitik, immer unterwegs, erklärend, fordernd, bittend. Ergreifend ist die Beschreibung der letzten, langen Diskussion  mit der Bundeskanzlerin gegen Ende seiner Amtszeit. Es sei ein Abschied von der „engsten Partnerin in einer Welt mit wenig Freunden“ gewesen, schreibt Rhodes. Obama sei erschüttert gewesen: „Angela, sagte er kopfschüttelnd, ist jetzt ganz allein.“

Mit anderen geht der Autor wenig zuvorkommend um. Putin beschreibt er als Revanchisten. Rhodes bleibt während all der Jahre staunend ob des Redetalents dieses Barack Hussein Obama, ob dessen  Abneigung gegen Ideologien; ob seiner Verbundenheit mit den Afro-Amerikanern, ob seiner Risikoscheu und dann wiederum ob seiner Entschlossenheit, den Terror auszurotten, Guantanamo zu beenden und auch staunend wegen seine Bereitschaft, Härte gegenüber den Nutznießern und Initiatoren der 2007 ausbrechenden Finanzkrise zu zeigen. Denn damals hat Obama offenkundig der gierigen, digitalisierten Finanz- Welt eine Totalkrise erspart.

Leute wie Rhodes befinden sich in einer einzigartigen Situation. Sie lernen den oder die  Mächtigen, denen sie dienen, oft genug intensiver kennen als deren Ehepartner es tun. Sie sind immer dabei. Denn das politische Leben der Obamas und vieler anderer ist nicht so sehr geprägt durch rauschenden Beifall oder den Atem zum Stocken bringende Lagen (das gibt es auch), als vielmehr durch eine gnadenlose Tagestaktung, einen nicht vorstellbaren, sich ständig erneuernden Entscheidungsdruck und durch das Verarbeiten müssen vieler komplexer Informationen. Die Mächtigen sind nur mächtig, weil sie bereit sind, sich ihrer dienenden, engen Umgebung auszuliefern. Da lag und liegt die Rolle der Leute wie Rhodes. Sie sind wach, aufmerksam, aufmunternd, Fans, kritisch, diskret, loyal. 100 Prozent loyal. Näher als bei Rhodes kommt der Leser an Obama nicht heran.

Ich will nicht verhehlen, dass ich Obama bewundert und überheblich auftretende „Analytiker“ Obamas verachtet habe: Anderer Stil, ein Gesicht vor der Funktion und nicht hinter der Amt. Am wichtigsten seine Denkanstöße. Nach dem 24. Juli 2007, nach seiner Rede vor der Berliner Siegessäule hatte ich mir in eines meiner Notizhefte Obama-Sätze geschrieben: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben. Wir sind die Veränderung, nach der wir suchen.“  Da stehen die immer noch. Die Seite auf der die beiden Sätze stehen, haben Eselsohren.

Ben Rhodes: Im weißen Haus – Die Jahre mit Barack Obama, CH Beck Verlag 2019, 26,80 EURO

Titelbild: Buchtitel, CH Beck

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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