Nolde Museum Seebüll

Die Enttäuschung einer Generation – der grosse Emil Nolde war keiner von den Guten

Vor wenigen Tagen wurden im Bundeskanzleramt in Berlin zwei Gemälde des deutschen Expressionisten Emil Nolde (1867 – 1956) abgehängt. Als Grund sickerte durch, das habe mit der politischen Vergangenheit des Künstlers zu tun. Am 11. April 2019 berichtete die Süddeutsche Zeitung groß über neue Forschungserkenntnisse, die ein ganz anderes Licht als das gewohnte auf Noldes politische Überzeugungen in der Zeit des Nationalsozialismus werfen. Am 12. April 2019 eröffnete im Hamburger Bahnhof in Berlin eine große Nolde-Ausstellung mit demselben Themenschwerpunkt. In diesem Zeitraum versäumte es kein deutsches Medium – ob Zeitung oder Zeitschrift, ob Rundfunk oder Fernsehen –, den Fall Nolde aufzurollen. Zeitgleich mit dem Beginn der Berliner Ausstellung brachte der Blog der Republik eine breit angelegte Geschichte von Alfons Pieper, Titel: „Nolde, der Nazi“.

Die ungeahnte, die plötzliche neue Sachlage traf in aller Heftigkeit auch unsere Generation, die erste, die nach den zwölf Terrorjahren des Nationalsozialismus aufwuchs, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, nach dem größten Massenmord der Menschheitsgeschichte, nach Auschwitz. Unseren Zugang zu neuer Menschlichkeit, zu Demokratie, Parlamentarismus und Rechtsstaat, zu Kultur und Geschichte mussten wir uns weitgehend selbst erarbeiten, auf verlässliche Wegweisung seitens der Schulen und Universitäten, auch seitens der restaurativen Adenauerschen Republik der 1950er Jahre hoffte diese Generation vergebens. An die Hand genommen wurden wir zunehmend häufiger durch Literaten, Philosophen, Künstler, zuweilen auch Politologen.

Bei diesem Entwicklungsprozess stand Emil Nolde aus Seebüll, trotz einiger bekannter bräunlicher Flecken auf dem Malerkittel, da, wo in unserem sich entwickelnden Weltbild die Guten standen. Es kann also nicht verwundern, dass unsere Reaktion auf die Enthüllungen der letzten Tage eine Mischung aus tiefer Betroffenheit, großer Trauer und zunehmend auch Wut war.

Mit Nolde hat sich die Generation der Gründerjahre der Bundesrepublik über die Jahrzehnte immer wieder befasst, nicht übermäßig forschend in die Tiefe gehend, aber doch so, dass seine Nazi-Affinität in einem bestimmten Abschnitt seines Lebens durchaus bewusst wurde. Allerdings nur dergestalt bewusst wurde, wie dies von Nolde und einigen seiner Apologeten nach 1945 durchaus erwünscht war – das Bekenntnis zu Hitler und seiner Ideologie war gleichsam eine Sünde der frühen Jahre, die dann aber zeitig genug als persönlicher Fehler erkannt wurde. Wer will da schon den ersten Stein werfen?

Ein literarisches Denkmal …

Das war ja auch durchaus schlüssig: Mit gleich einem ganzen Schock Bilder 1937 in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten und später über viele Jahre hin mit Berufsverbot belegt worden zu sein – einen wirkungsvolleren Persilschein kann es ja gar nicht geben. Und dann hat ihm – sicherlich guten Herzens – der großartige Siegfried Lenz in seiner wunderbaren „Deutschstunde“ ein einzigartiges literarisches Denkmal gesetzt: Auch Lenzens Protagonist, der ziemlich deutlich Emil Nolde nachgebildete Max Ludwig Nansen, war ein Guter, der unter den Nazis nicht seiner Kunst leben durfte.

… und der Coup des Schokoladenkönigs

Zudem wurde diese Sichtweise unserer Generation auch noch durch die Verdienste des milliardenschweren Hannöverschen Schokoladenkönigs Bernhard Sprengel nachhaltig geprägt. Der Philanthrop mit dem soliden Kaufmannssinn sicherte, so die weit verbreitete Lesart, dem vom Berufsverbot existenziell bedrohten Ehepaar Emil und Ada Nolde das Überleben dadurch, dass er heimlich gemalte Bilder in größerem Stil erwarb, dem Verbot zum Trotz. Dass Sprengel 1942 gleichzeitig mehr als 400 Nolde-Werke diesem fürchterlichen Nazi-Kunstdieb und Devisenschieber Hildebrand Gurlitt (dem Vater des zweifelhaften Cornelius Gurlitt) abkaufte und so billig den Grundstock für sein späteres Museum am Maschsee in Hannover legen konnte, wurde erst vor ein paar Jahren bekannt. Davon war vor etwa zwanzig Jahren, als das Sprengel-Museum eine große Nolde-Ausstellung überwiegend aus eigenen Beständen ausrichtete, natürlich nicht die Rede.

Inzwischen liest sich das alles ganz anders. Jahrzehntelang hermetisch geschlossene Archive wie das der Nolde-Stiftung im schleswig-holsteinischen Seebüll sind seit einigen Jahren für die Forschung geöffnet. Heute spricht sogar deren Direktor Christian Ring von Noldes „widerlichem Antisemitismus“. Und Bernhard Fulda und Aya Soika, die die Ausstellung im Hamburger Bahnhof ausgerichtet haben, erklären, nichts am „Mythos Nolde“ habe gestimmt, der Maler habe sich keinesfalls irgendwann von Hitler abgewandt, er habe sich vielmehr bis zum Kriegsende 1945 den Nazis geradezu angebiedert und sei bis zum Schluss ein fanatischer Antisemit geblieben.

Zurück zur ersten Nachkriegsgeneration, die mit Emil Nolde aufgewachsen ist. Spätestens ab Mitte der 1950er Jahre florierte das Geschäft mit den großformatigen Kunstkalendern. Im Kanon der internationalen Maler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts fehlten nie die Malereien Noldes. Er gehörte zur Avantgarde, er war – so sahen wir es – die Avantgarde. Diese Kalender waren ein bewusster Gegenentwurf zu den Kunstkalendern der Nazizeit mit ihren pflügenden Bauern, den gigantomanen Plastiken eines Arno Breker oder den voyeuristischen Frauenakten Adolf Zieglers, den sie im Nazireich hinter vorgehaltener Hand den „Meister des deutschen Schamhaars“ nannten.

Unsere Generation war es auch, die spätestens seit den 1960er Jahren den Seebüll-Tourismus mitbegründete. Für Dänemark-Reisende gehörte es quasi zum Standardprogramm, bei der Fahrt in den Sommerurlaub einen Abstecher zum Nolde-Haus auf der Warft unmittelbar an der dänischen Grenze nahe Tondern zu machen. Wer wäre vor dem großformatigen, hoch expressionistischen Triptychon der Leiden Christi schon auf die Idee gekommen, das Werk hätte ein fanatischer Antisemit gemalt? Und dann gehört zur ständigen Ausstellung in Seebüll ein Konvolut meist kleinerer Aquarelle unter dem Sammeltitel „ungemalte Bilder“ – also heimlich und im Verborgenen entstandene Kunstwerke, quasi als Widerstandshandlung eines von den Nazis verfemten Künstlers.

Der Versuch eines Fazits

Was also tun? Die Antwort fällt schwer. Wir müssen konstatieren, dass ein von uns als herausragend bewunderter Künstler und als aufrecht und ehrlich eingeschätzter Zeitgenosse seine Vita nicht nur geschönt, sondern regelrecht gefälscht hat. Unsere Generation mit ihrem Privileg, als erste nicht in einem totalitären Staat aufgewachsen, sondern mit einem ganzen Paket von Freiheitsrechten beschenkt worden zu sein, muss sich fragen, wie weit und wie lange die Zuordnung zu „den Guten“ wohl trägt und was es heißt, unter dem Druck der Erkenntnisse einen solchen Ehrentitel aberkennen zu müssen.

Anders ausgedrückt: Unsere Generation, so sie sich denn überhaupt für Kunst und Kultur interessierte, ist aufgewachsen mit großer Verehrung für den genialen Expressionisten Emil Nolde. Gleichzeitig findet unsere Generation, so sie sich denn überhaupt für Politik, Geschichte und Menschenrechte interessierte und von daher 1968er Revolte als grundlegende Sozialisation erlebte, solche antisemitischen, rassistischen, nationalsozialistischen Auswürfe, wie sie im Fall Nolde jetzt den Weg aus den Archiven in die Öffentlichkeit finden, zutiefst abscheulich.

Zur Beantwortung der Frage, ob diese Antagonismen irgendwann einmal aufgelöst werden können, wird es eines langen gedanklichen Prozesses bedürfen.

Bildquelle: Wikipedia, Memorino, CC BY-SA 3.0

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Rainer Zunder

Rainer Zunder war als Politikredakteur für die Westfälische Rundschau in Dortmund tätig. Seit dem Eintritt in den Ruhestand engagiert er sich ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche, im Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus und im Arbeitskreis Christen gegen Rechts.


'Die Enttäuschung einer Generation – der grosse Emil Nolde war keiner von den Guten' hat einen Kommentar

  1. 18. April 2019 @ 13:05 Klauspeter Sachau

    Lieber Rainer,
    ich kann deine Enttäuschung verstehen.
    Ich bin zwar ähnlich alt wie du, aber ich war nie in Seebüll (und nie in Worpswede). Ich bin in Kiel aufgewachsen. Vor der Nikolaikirche stand der ‚Geistkämpfer‘ von Ernst Barlach. Auch mit dessen erd-mythisch-mystischer Kunst konnte ich nichts anfangen. Weniger noch mit Noldes ‚Bemühen um eine «urdeutsche» Malerei, seine Ablehnung einer als dekadent verstandenen Moderne, seine Hinwendung zu nordischen Mythen‘, die auch in der Farbdramatik seiner Landschaftsbilder zum Ausdruck kam.
    Was in deinem Beitrag fehlt, ist die Frage, warum dir diese Bilder so gefallen haben, auch ein wenig die Reflexion über die aesthetische deutsche Nachkriegsgeschichte. Nolde passte in seiner scheinbaren inhaltlichen Losgelöstheit von deutschen Verbrechen wunderbar ins deutsche Wirtschaftswunder.
    Gut, dass wenigstens seine Hinwendung zum Nationalsozialismus und sein Antisemitismus jetzt wieder zur Sprache kommen, obwohl sie schon früher bekannt waren – auch und gerade in unserer Generation.
    Danke für deinen Beitrag und herzliche Grüße, kape.

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